Die Bilderbuch-Ecke
Bilder-, Kinder- und Jugendbücher, die Sprachstörungen thematisieren, können nicht-betroffene Geschwister, Mitschüler- und Mitschülerinnen sensibilisieren, um verständnisvoll anderen Menschen mit Sprachstörungen zu begegnen. So genannte Mutmach-Bücher können betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen, Behinderungserfahrungen und das emotionale Erleben in schwierigen Kommunikationssituationen zu reflektieren.
Einige Bücher sollten eher von Logopädinnen und Logopäden eingesetzt werden. Andere sind auch für Eltern und Lehrkräfte geeignet, um sie gemeinsam mit betroffenen und nicht betroffenen Kindern und Jugendlichen anzuschauen, zu lesen und zu besprechen. Die Verlage geben dazu meist Hinweise und bieten teilweise auch Unterrichtsmaterialien an.
Warum Bilderbücher?
Gerade im Primarstufenalter eignen sich Bilderbücher, aber auch Comics oder Bildergeschichten zur Förderung der sprachlichen Handlungsfähigkeit und um Sprache zum Gegenstand der Reflexion werden zu lassen. Das Materialien und Angebote dazu sind reichhaltig. Das Buch "Werkstatt Bilderbuch" von Hollstein & Sonnenmoser (2006) gibt einen guten Überblick und viele Anregungen.
Seltener werden Bilder- Kinder- und Jugendbücher eingesetzt, um über das Medium der Sprache im dialogischen Austausch mit geeigneten Identifikationsmotiven Sprache und Sprachauffälligkeiten selbst zum Thema werden zu lassen. Die oben angegeben Liste gibt Ihnen einen Überblick, welche Bücher dafür geeignet sind.
📚 Mutmach-Bilderbücher zu Sprachstörungen
📖 Direkt zu einem Buch springen:
📖 Das kleine Häwas
Das kleine Häwas lebt in einem Land „irgendwo zwischen hier und dort". Es liebt Eis, Pfützen und Farben. Zunächst wird es von seiner Familie verstanden, obwohl es noch nicht spricht – Gesten, Blicke und Nähe reichen aus. Mit zunehmendem Alter möchte es erzählen, was es sieht, denkt und fühlt. Ihm fehlen jedoch oft die Wörter. Manche Wörter verschwinden schnell wieder, andere kommen anders aus dem Mund, als sie im Kopf geklungen haben. Die Umwelt reagiert wiederholt mit „Hä, was?". Aus dieser wiederkehrenden Fremdzuschreibung entsteht der Name „Häwas". Das Kind übernimmt eine soziale Reaktion auf seine Sprachschwierigkeit als Teil seines Selbstbildes.
Mit der Zeit spricht es weniger, verliert Freude am Sprechen, bekommt Angst und wird einsamer. Die Eltern suchen Hilfe bei der „Zauberin der Worte". Diese arbeitet nicht beschämend, sondern stärkend. Sie erklärt, dass manche Menschen mehr Wörter zur Verfügung haben. Sie hilft dem kleinen Häwas, Mut zu fassen, Wörter zu sammeln, Laute zu unterscheiden und mit Frustration umzugehen. Zentral ist der Satz: „Fehler machen ist nicht schlimm. Mit der Zeit krieg ich das hin!" Am Ende findet das kleine Häwas sein eigenes, vergessenes Wort wieder: seinen Namen – eine Geschichte über Sprachentwicklung, Identität und Selbstannahme.
🐇 Fritzi und Wolle
Fritzi ist ein kleiner Hase. Er liebt Butterblumen und hoppelt gern über die Wiese. Was ihm schwerfällt, ist das Sprechen. Wenn er „Butterblume" sagen möchte, bleibt er beim „B" hängen. Die Buchstaben hüpfen durcheinander oder bleiben im Mund stecken. Fritzi schämt sich und schleicht oft allein umher. Eines Tages trifft er den anderen Hasen Wolle. Fritzi möchte seinen Namen sagen, bleibt aber an Lauten hängen. Wolle lacht. Fritzi fühlt sich verletzt und reagiert aggressiv, wirft mit den Hinterpfoten. Später vermittelt der Vogel Lilo: Wolle habe nicht verstanden, wie verletzend sein Lachen war. Fritzi spricht Wolle direkt an, und Wolle erklärt, er dachte, Fritzi mache Spaß. Am Ende versöhnen sich beide, und die anderen Hasen gewöhnen sich an Fritzis Sprechweise.
🍝 Stomatenpaghetti oder wie Oscar auf dem Piratenschiff richtig sprechen lernt
Oscar ist ein kleiner Krebs, der gern in den Kindergarten geht. Er hat Schwierigkeiten mit dem Laut R; statt R spricht er L. Aus „Tomatenspaghetti" wird „Stomatenpaghetti". Wenn Oscar aufgeregt ist, beginnt er zusätzlich zu stottern. Nach einer Auslache-Situation trifft er die Welsdame Linda Lippenbart, die ihn zu Doktor Quassellorus Octopus bringt – einem „Sprachumdreher" auf einem versunkenen Piratenschiff. Dort wird spielerisch mit Sprache umgegangen: Grimassen schneiden, singen, Laute üben. Oscar gewinnt Selbstvertrauen und kehrt in den Kindergarten zurück, wo ein gemeinsames Spaghettifest die frühere Beschämung in ein Spiel verwandelt.
🎨 Meine Worte hüpfen wie ein Vogel. Kinder malen ihr Stottern
Dieses Buch ist keine durchgehende Geschichte, sondern eine Sammlung von Kinderzeichnungen, Kommentaren und Sachtexten zum Thema Stottern. Kinder zeigen ihr Stottern als ungerade Fahrbahn, Korken, Löwen oder schwarzes Loch. Die Bilder machen Angst, Scham, Wut, aber auch Mut sichtbar. Es werden Ursachen, Begleiterscheinungen und der Umgang mit Stottern erklärt – mit klarem Fokus auf die schulische Situation: Auslachen, mündliche Leistungen, Nachteilsausgleich. Ein wichtiger Ratgeber für betroffene Familien und Lehrkräfte.
🦔 Was ist ein U-U-Uhu? Ein Mutmachbuch für stotternde Kinder
Ein kleiner Igel hört nachts ein seltsames Geräusch: „U-U-Uhu!" Er fragt seine Mutter und macht sich auf die Suche. Er stottert deutlich, z.B. „Wa-wa-was ist ein U-U-Uhu?" Viele Tiere reagieren abwertend, selbst solche mit eigenen Auffälligkeiten. Eine Maus zeigt Verständnis, und gemeinsam treffen sie den Uhu, der ebenfalls stottert. Der Igel warnt schließlich die anderen Tiere vor einem Ungeheuer. Seine Botschaft wird gehört – er wird vom verspotteten Kind zur handlungsfähigen Figur. Das Buch zeigt: Stottern ist kein Grund, jemanden nicht ernst zu nehmen. Zuhören, Geduld und gegenseitige Achtung sind entscheidend.
🌰 Der Junge in der Nussschale
Emil ist in einer Nussschale zur Welt gekommen – ein Schutzraum, der ihn aber auch abtrennt. Er spricht kaum, erstarrt bei Ansprache. Eine Zauberin bietet ihm Hilfe an, aber ohne Druck. Sie braucht Zutaten für einen Zauberkuchen: Erdbeeren, Mehl, Milch ... Emil muss sie kaufen, was ihn mit kleinen Sprechsituationen konfrontiert. Schrittweise traut er sich mehr, die Schale wird dünner, und am Ende wird sein Erfolg mit einem Erdbeerkuchen gefeiert. Die Geschichte zeigt, dass Mut und gestufte Erfahrung mehr bewirken als ein magischer Zauber.
🐘 Kamfu mir helfen?
Ein Elefant rennt zu schnell, stolpert und verbiegt sich seinen Rüssel. Dadurch spricht er verändert: „Kamfu mir helfen?" Er sucht Hilfe bei verschiedenen Tieren. Der Ameisenbär lacht kurz, versucht aber zu helfen; das Schwein lacht ebenfalls und schlägt Rülpsen vor. Erst eine kleine Fliege, die in den Rüssel fliegt und kitzelt, bringt den Elefanten zum Niesen – der Rüssel ist wieder gerade. Das Buch arbeitet mit Reimen und Lautspielereien. Die beigefügten Praxistipps betonen: Hilfe holen erfordert Mut, und Kinder sollen lernen, Hilfe anzunehmen und anzubieten.
📌 Weitere Kinder- und Jugendbücher zum Thema Stottern
Zeichnungen/Szenario: Bernd Natke; Ideen/Text: Bernd Natke, Ulrich Natke u.a. (2021) · 40 Seiten · Natke Verlag
Zum Shop-Link – Benni stottert und meistert mit pfiffigem Selbstbewusstsein den Alltag. Comic.
Peter Schneider, illustriert von Gisela Schartmann (2018) · Natke Verlag
Zum Buch – Ein Bagger zerstört den Bau der Murmelfamilie, Murmeli sucht einen neuen Bau und erklärt unterwegs sein Stottern.
Peter Schneider, Gisela Schartmann (2011) · Natke Verlag, 12x12 cm
Zum Buch – Das Dreirad steckt fest, alle Tiere geben Rat, doch erst die Schnecke hilft. Erstes Wissen über Stottern.
Anina Ramann, Gisela Schartmann (2014) · Natke Verlag
Zum Buch – Kai stottert ausgerechnet bei seinem Namen, bis er Tobi trifft, der auch ein Problem hat – und Mut.
Isabella Colthorp & Franziska Herdter (2020) · Demosthenes Verlag, ab 7 Jahren
Zum Buch – Hannes hat ein freches Stoppilino, das seine Wörter festhält. Er lernt, es zu zähmen und sich mit ihm anzufreunden.
Elisabeth Döge (2015) · Demosthenes Verlag, ab 3 Jahren
Zum Buch – Lavazahn kommt in die Schule, stottert manchmal, bleibt aber mutig. Mit Tipps für Eltern und Erzieher.
Mona Jüntgen, illustriert von Petra Kuhlmann (2009) · Demosthenes Verlag, 7–10 Jahre
Zum Buch – Lissi möchte dazugehören, traut sich aber wegen ihres Stotterns nicht. Dann lernt sie Peter kennen.
Anja Mannhard (2014) · Natke Verlag, 28 Seiten
Zum Shop – Fantasiereise zu einer Insel mit allerlei sprachlichen Wesen (lispelnd, stotternd, etc.).
📋 Sonderpädagogische Analysekriterien
Wissenschaftlich fundierte Checkliste – mit Erläuterungen & Beispielen
📖 1. Narratoästhetische Analyse
📖 Beispiel: In „Kamfu mir helfen?“ zeigt das Bild den Elefanten mit krummem Rüssel, während der Text „Kamfu mir helfen?“ die veränderte Aussprache wiedergibt – ein ergänzendes Verhältnis.
📖 Beispiel: „Häwas“ trägt die Handlung überwiegend über den Text, die Bilder illustrieren die Gefühle des Kindes – ausgewogen.
📖 Beispiel: In „Meine Worte hüpfen“ sind die Bilder (Kinderzeichnungen) die Hauptbotschaft – ohne sie ist das Buch kaum verständlich.
📖 Beispiel: „Ich bin wie der Fluss“ nutzt fließende, abstrakte Aquarelle, die die Sprachstockungen des Jungen einfühlsam darstellen.
📖 Beispiel: In „Fritzi und Wolle“ sind die Wiesen und Tiere farbenfroh illustriert, Kinder entdecken immer wieder neue Details.
📖 Beispiel: In „Häwas“ ist die Hauptfigur ein individualisiertes Kind mit Sprachschwierigkeiten, die Zauberin ist eine typisierte Helferfigur.
📖 Beispiel: In „Fritzi und Wolle“ die Konfrontation, als Wolle auslacht – ideale Stelle für ein Gespräch über Gefühle.
📖 Beispiel: Das Ende von „Der Junge in der Nussschale“ bleibt offen – wie Emil sich nun im Alltag behauptet, kann die Gruppe diskutieren.
🫂 2. Sonderpädagogische & inklusionsorientierte Analyse
📖 Beispiel: In „Häwas“ hat die Hauptfigur eine Sprachentwicklungsstörung; in „Fritzi und Wolle“ stottert Fritzi. Nebenfiguren sind meist nicht behindert.
📖 Beispiel: In „Häwas“ wird die Sprachschwierigkeit sachlich dargestellt, ohne Mitleid – „Wörter kommen anders raus, als sie im Kopf geklungen haben.“
📖 Beispiel: „Stomatenpaghetti“ zeigt Oscar als kreativen, fröhlichen Krebs, der sprechen lernt – nicht als bemitleidenswertes Opfer.
📖 Beispiel: In „Der Junge in der Nussschale“ trifft Emil eigene Entscheidungen (Einkaufen), entwickelt Selbstvertrauen und wird am Ende in die Gemeinschaft integriert.
📖 Beispiel: „Fritzi und Wolle“ zeigt das soziale Modell: Das Problem entsteht durch das Lachen und Missverstehen der Umwelt, nicht durch das Stottern selbst.
📖 Beispiel: In „Häwas“ wird gezeigt, wie die wiederholte Reaktion „Hä, was?“ das Kind verunsichert und verstummen lässt – Umweltfaktor.
📖 Beispiel: „Meine Worte hüpfen“ basiert auf Zeichnungen und Texten stotternder Kinder – echte Own-Voice. Viele andere Bücher werden von nicht betroffenen Autor*innen geschrieben.
📖 Beispiel: „Was ist ein U-U-Uhu?“ zeigt deutlich, wie Ausgrenzung durch Spott entsteht – ideal, um über fairen Umgang zu diskutieren.
📚 Fachliche Schärfung und Quellen
Die Checkliste basiert auf einem theoriegeleiteten Kategorisierungsentwurf von Reisenbichler (2022) für die Pädagogik bei Sprachbeeinträchtigung und wurde erweitert durch aktuelle Forschung:
- Lindner, J. (2021). Kriterienkatalog zur Auswahl von Bilderbüchern für einen inklusiven Literaturunterricht. Universität Bremen.
- Maskos, R. & Kaiser, M. (2024). "Bist du behindert, oder was?" Kinder inklusiv stärken und ableismussensibel begleiten. Familiar Faces.
- Vielstädte, M. (2024). Own Voice und Disability Studies in der Kinder- und Jugendliteratur. (im Erscheinen).
- Stiftung Lesen (2025). Inklusion im Kinderbuch entdecken.
- Thiele, J. (2012). Typologien des Bild-Text-Verhältnisses. In: KinderundJugendmedien.de.
- Iser, W. (1976). Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. Fink.
💡 Hinweis: Die Kriterien wurden speziell für den Einsatz bei Kindern mit Sprachstörungen (SES, Mutismus, Stottern, Aussprachestörungen) konzipiert.